Muskelverletzungen im Sport – Klassifikation

PD Dr. Peter Ueblacker

Die häufigsten Verletzungen im Profi-Fußball, der Leichtathletik und vielen anderen Sportarten betreffen die Muskulatur und haben damit eine große Relevanz. Eine differenzierte Therapie und Rehabilitation ist nur nach einer präzisen Diagnosestellung und Klassifikation möglich.

german footballAufgrund unserer täglichen Arbeit mit Profi-Athleten aus vielen verschiedenen Disziplinen, v.a. aber Fußball und Leichtathletik, liegt naturgemäß einer unserer Praxis-Schwerpunkte in der Diagnostik, Untersuchung und Therapie von Muskelverletzungen.

Es ist bekannt, dass Dr. Müller-Wohlfahrt über eine bereits 40-jährige enorme Erfahrung auf diesem Gebiet verfügt. In diesem Zeitraum haben sowohl der Sport, insbesondere der Fußball, aber auch die Medizin große Wandlungen durchlaufen. Die medizinische Diagnostik hat sich immer mehr Richtung bildgebender Verfahren entwickelt, was Segen und Fluch zugleich bedeutet. Ein Segen ist es, die verletzten Strukturen bildtechnisch darstellen zu können, ein Fluch, weil es zu erheblichen Fehlinterpretationen führen kann. Es ist kaum mehr vorstellbar, dass vor einiger Zeit noch gar keine bildgebenden Verfahren zur Verfügung standen und die Diagnose allein anhand klinischer Befunde gestellt werden musste.

Daten der hervorragenden UEFA Elite Club Injury Study unter Leitung von Professor Jan Ekstrand belegen, dass nahezu die Hälfte aller Verletzungen die Muskulatur und ihre Sehnen betreffen. Umso wichtiger ist es, Muskelverletzungen richtig einzuschätzen, präzise Diagnosen zu stellen und die richtigen Therapieschritte einzuleiten.

In diesem Zusammenhang ist unsere Klassifikation der Muskelverletzungen, auch bekannt unter dem Namen, “Munich-Consensus-Classification”, die 2013 im BJSM veröffentlicht wurde, zu nennen. In dieser Klassifikation sind alle relevant im Sport vorkommenden Muskelverletzungen repräsentiert. Die Klassifikation ist praxisorientiert und seit 2011 Bestandteil der o.g. UEFA Injury Study und damit Basis der Dokumentation von Muskelverletzungen der europäischen Spitzenfußballklubs. In diesem Rahmen ist die Klassifikation für Verletzungen der vorderen und hinteren Oberschenkelmuskulatur prospektiv validiert (ebenfalls 2013 im BJSM publiziert). Es konnte gezeigt werden, dass sie zu 100 % praxisrelevant ist und die Ausfallzeiten der Spieler mit den spezifischen Diagnosen korrelieren.

Ausgehend vom Verletzungsmechanismus werden zunächst indirekte (ohne äußere Krafteinwirkung) von direkten (mit äußerer Krafteinwirkung) Muskelverletzungen unterschieden. Diese Differenzierung hat eine große praktische Relevanz, da direkte Muskelverletzungen (im wesentlichen Muskelkontusionen) meist eine kürzere Ausfallzeit zur Folge haben, das Training kann meist rascher wieder aufgenommen und gesteigert werden.

Indirekte Muskelverletzungen entstehen ohne direkte äußere Krafteinwirkung. Sie werden unterteilt in funktionelle (nicht-strukturelle) Muskelverletzungen ohne makroskopische Hinweise auf strukturelle Schäden/Risse und strukturelle Muskelverletzungen mit makroskopischen Zeichen für strukturelle Schäden.

Bei einer funktionellen Verletzung ist der Muskel in seiner Funktion gestört, z.B. schmerzhaft verhärtet, sodass der betroffene Athlet überhaupt nicht trainieren oder seine Leistung nicht abrufen kann, obwohl keine echte Rißverletzung vorliegt. Diese Art von Muskelverletzungen hat aufgrund ihrer Häufigkeit eine hohe Relevanz im Spitzensport. Funktionelle Muskelverletzungen sind multifaktoriell bedingt, sie können ermüdungsbedingte oder neurogene Ursachen haben.

Auf anatomischer Grundlage werden strukturelle Muskelverletzungen unterteilt in partielle Risse und (sub)totale Risse bzw. sehnige (Muskel)Ausrisse. Auch diese Einteilung hat eine wesentliche Bedeutung, da die Ausfallzeiten statistisch signifikant differieren.

Die häufigste Form einer direkten Muskelverletzung ist die Kontusion durch eine stumpfe äußere Krafteinwirkung auf die Muskulatur (z. B. Schlag durch das Knie eines Gegenspielers, „Pferdekuss“). Muskelkontusionen sind vor allem in Kontaktsportarten wie Fußball, Handball, Eishockey, American Football usw. häufig. Die Schwere der Verletzung hängt von der Krafteinwirkung, dem Kontraktionszustand des betroffenen Muskels bei der Krafteinwirkung und anderen Faktoren ab. Durch die direkte Krafteinwirkung kommt es zu einer Quetschung/Kompression von Muskel und Gefäßen, aber zu keiner Rißverletzung im longitudinalen Sinne, wie bei einer indirekten strukturellen Verletzung.

Typische Lokalisationen für indirekte Verletzungen sind die ischiocruralen Muskeln (Bizeps femoris, Semitendinosus, Semimembranosus), der M. rectus femoris, M. adductor longus und die Wadenmuskeln. Direkte Verletzungen betreffen meist den M. vastus intermedius und lateralis sowie den M. rectus femoris.

Unserer Erfahrung nach können die allermeisten der im Sport auftretenden Muskelverletzungen in das o.g. Klassifikationssystem eingeteilt werden. Hieraus lassen sich zu erwartende Ausfallzeiten ableiten: ca. eine Woche bei einer funktionellen Verletzung, zwei Wochen bei einem Muskelfaserriss, vier bis sechs Wochen bei einem Muskelbündelriss und ca. zwölf Wochen bei einem (sub)totalen Muskelriss bzw. sehnigen Ausriss. Selbstverständlich ist auch die Lokalisation im Muskel bei der Einschätzung von Bedeutung. Die Ausfallzeit nach einer Verletzung mit Beteiligung einer Sehne, z.B. auch einer intramuskulären Sehne, dauert eher etwas länger.

Es bedarf einiger Erfahrung und Intuition um Muskelverletzungen richtig einschätzen, diagnostizieren und behandeln zu können. Wichtig ist, dass eine Klassifikation, bzw. Diagnosestellung nur mit Informationen aus Anamnese, Inspektion, klinischer Untersuchung, Funktionstests und, wenn nötig, Bildgebung (Ultraschall, MRT) möglich ist, niemals durch bildgebende Verfahren alleine. Genaue Fragen nach dem Mechanismus, der Symptomatik, den Umständen, der Lokalisation sowie eine gute klinische Untersuchung mit Inspektion, Palpation und klinischen Funktionstests grenzen die Diagnose ein.

Hören Sie auch unseren deutschen Podcast mit PD Dr. Ueblacker:

PD Dr. Peter Ueblacker ist ein international renommierter Orthopäde und Sportmediziner, er arbeitet als Partner in der Müller-Wohlfahrt Praxis für Orthopädie und Sportmedizin in München. Von 2009 bis 2015 war er Mannschaftsarzt des FC Bayern München.

Ausführlicher Lebenslauf: http://www.mw-ortho.de/arzte/dr-med-ueblacker/

 

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